Vor uns steht eine außergewöhnliche und viel zu wenig bekannte Uhr.
1951 stellte die Schweizer Manufaktur Tissot unter der Leitung ihres Direktors Louis-Édouard Tissot und des Uhrendesigners Oscar Waldan die Navigator vor – die erste serienmäßig gefertigte Armbanduhr mit Weltzeit („World Time“) und Automatikaufzug, deren erste Generation bis 1953 produziert werden sollte.
Die Einführung der Tissot Navigator vollzog sich vor dem Hintergrund der Entwicklung und Beschleunigung von Langstreckenreisen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Als Antwort auf die Einführung der Eisenbahnzeit in den 1860er-Jahren entwickelten amerikanische Uhrenhersteller wie Elgin und Hamilton Eisenbahn-Taschenchronometer mit einem dritten Zeiger zur Anzeige einer zusätzlichen Zeitzone. In den 1930er- und 1940er-Jahren fertigten die prestigeträchtigsten Schweizer Manufakturen einige Taschen- und Armbanduhren mit einem Weltzeit-Zifferblatt, das von dem genialen Uhrmacher Louis Cottier entworfen worden war. 1949 veränderte der Jungfernflug der De Havilland DH 106 Comet, des ersten zivilen Düsenflugzeugs der Geschichte, die Wahrnehmung von Zeit und Distanz für immer. Die Uhrenmanufakturen wetteiferten daraufhin um Innovationen, um sich an diese neue Lebens- und Reiseweise anzupassen. Einen Kontinent oder gar den Atlantik zu überqueren bedeutete nämlich, mehrfach – und rasch! – die Zeitzone zu wechseln. Die Rolex GMT-Master, in Zusammenarbeit mit Pan American Airways („Pan-Am“) entworfen und mit einer drehbaren Lünette zum sofortigen Ablesen der Zeit in zwei Zeitzonen ausgestattet, erschien 1954 und sollte zum Symbol dieser neuen Ära werden; die drei Jahre zuvor eingeführte Tissot Navigator hingegen ist ein wenig bekannter Schatz der Reiseuhren-Geschichte.
Das Design der Tissot Navigator orientiert sich an der visuellen Anordnung der von Louis Cottier in den 1930er-Jahren erfundenen World-Time-Uhren, die von renommierten Marken wie Patek Philippe, Vacheron Constantin, Agassiz, Breguet und weiteren verwendet wurde. Technisch unterscheidet sie sich jedoch deutlich. Das Kaliber Tissot 28.5N-21, ein Automatikwerk mit Anschlag („Bumper“) und permanenter Zentralsekunde, eigens für dieses Modell auf Basis eines Tissot-Kalibers von 1944 entwickelt – das seinerseits von Omega-Automatikkalibern mit Anschlag abgeleitet war – , ermöglicht das Ablesen der Zeit in 24 Zeitzonen dank einer zentralen Städtescheibe, die eine vollständige Umdrehung in 24 Stunden vollführt. Diese Scheibe ist mit einer feststehenden, auf 12 Stunden unterteilten Lünette gekoppelt und erlaubt das gleichzeitige Ablesen von Ortszeit und Weltzeit. Durch Ziehen der Krone stellt man die Ortszeit ein, während die Städtescheibe fixiert bleibt. Durch Drücken des Drückers bei 2 Uhr entkoppelt sich die Städtescheibe und erlaubt die Korrektur der Ortszeit, ohne die Weltzeit zu beeinflussen. Ein System, das im Alltag besonders einfach zu bedienen ist und Tissot erlaubte, die erste serienmäßige Armbanduhr mit Weltzeit – und das mit Automatik – auf den Markt zu bringen.
Das 36 mm große Edelstahlgehäuse, robust und wohlproportioniert, verleiht eine imposante und edle Präsenz am Handgelenk, verstärkt durch breite Bandanstöße und eine glatte Lünette, die den Durchmesser der Uhr optisch vergrößert. Das Zifferblatt bleibt trotz zahlreicher Informationen dank klarer Anordnung und originaler gebläuter Dauphine-Zeiger aus Stahl bemerkenswert lesbar und erlaubt das mühelose Ablesen der Zeit, ohne die wesentlichen Informationen zu verdecken. Es hat eine sehr schöne leichte und gleichmäßige Patina entwickelt, ebenso wie die Leuchtmasse-Einlagen (Radium-Basis) an den Spitzen der Indizes bei 3, 6, 9 und 12 Uhr sowie auf den Zeigern.
Unser Exemplar hat sich seit seiner Geburt vor mehr als 70 Jahren in ausgezeichnetem Zustand erhalten. Die Seriennummer des Werks (302xxxx) deutet auf eine frühe Produktion hin, mit Sicherheit aus dem Jahr 1951. Die Städtescheibe bestätigt, dass es sich um eines der ersten gefertigten Modelle handelt. Die Sammlergemeinschaft der Tissot-Navigator-Spezialisten hat nämlich festgestellt, dass die allerersten Ausführungen Bombay und Calcutta auf zwei getrennte Zeitzonen verteilen, da sich die India Standard Time damals noch nicht weitgehend durchgesetzt hatte. Eine vollständige Revision wurde von einem auf Vintage-Kaliber spezialisierten Uhrmacher durchgeführt. Das Werk unserer Tissot Navigator arbeitet somit einwandfrei, ebenso wie die World-Time-Funktion.
Tissot Navigator der ersten Generation tauchen nur äußerst selten auf dem Markt auf, und noch seltener in hervorragendem Erhaltungszustand. Die Marke hat dieses legendäre Modell mehrfach neu aufgelegt – in den 1960er-, 1990er-, 2000er- und 2010er-Jahren. Keine dieser modernen Iterationen vermochte jedoch den unnachahmlichen Vintage-Charme und die „Wärme“ einzufangen, die das Originalmodell ausstrahlt. Die Fertigungsqualität dieser Uhr, ihre Seltenheit, der historische Kontext ihrer Entstehung und ihre unvergleichliche Präsenz am Handgelenk sind ins Verhältnis zu ihrem Preis zu setzen: Unter den großen Schweizer Manufakturen lässt sich kein Vintage-Modell mit Weltzeit (World Time) für weniger als mehrere Zehntausend Euro erwerben. Die Tissot Navigator erscheint damit als ein „Marktfehler“ oder, anders gesagt, als ein außergewöhnliches Qualitäts-Seltenheits-Bedeutungs-Preis-Verhältnis. Eine Gelegenheit, die man ergreifen sollte, bevor die Sammlergemeinschaft sie entdeckt.